Quelle: Bundesagentur für
Außenwirtschaft
Tür bleibt offen für Rumäniens EU-Beitritt 2007
Land schneidet im
EU-Bericht besser ab als bisher
Bukarest (bfai) - Gut 14 Monate vor dem geplanten Beitritt zur
EU hat Rumänien die Aufnahmekriterien noch nicht erfüllt, aber
beachtliche Fortschritte erzielt. Der am 25.10.05 bekannt
gegebene EU- Bericht mahnt allerdings Reformbeschleunigungen an,
wenn das Land den geplanten Beitrittstermin 1.1.07 schaffen
will. Grenzsicherung und Korruption bleiben die beiden
kritischsten Bereiche. Die deutsche Wirtschaft geht davon aus,
dass der Beitritt 2007 zu schaffen ist. Auch die Rating-Agentur
Moody's sieht eine Aktivierung der Schutzklausel seitens der EU
als wenig wahrscheinlich an.
Bei der Vorlage des Monitorring-Berichts der EU für Rumänien im
Europaparlament in Straßburg Ende Oktober 2005 ermahnte
Erweiterungskommissar Olli Rehn den Beitrittskandidaten, das
Reformtempo zu erhöhen, sonst könnte der Beitrittstermin 1.1.07
gefährdet sein. Rumäniens Staatspräsident Traian Basescu
bezeichnete den Bericht der Europäischen Kommission als streng
aber objektiv;. Die Mitgliedschaft seines Landes in der EU
ab Anfang 2007 bleibe weiterhin ein realistisches Ziel, hieß es.
Beobachter sind sich darin einig, dass dem vorliegenden
Herbstgutachten politisches Wohlwollen der EU zu Grunde liegt.
Sollte das Land den Beitritt 2007 schaffen, wird das ebenfalls
eine hauptsächlich politische Entscheidung sein. Genauso wahr
ist aber auch, dass Rumänien reale Fortschritte gemacht und
dementsprechend auch besser im Bericht abgeschnitten hat.
Von der Sicherheitsklausel des im April 2005 unterzeichneten
Beitrittsvertrages, deren Aktivierung bei Reformdefiziten eine
Verschiebung des Beitritts um ein Jahr auslösen könnte, sind nur
noch die Bereiche Korruptionsbekämpfung und Grenzsicherung
bedroht. Bei weiteren 14 Kapiteln besteht bei Reformdefiziten
die Gefahr einer Abmahnung. Darunter zählen die Bereiche
Lebensmittelsicherheit, öffentliche Beschaffungen, industrielle
Umweltverschmutzung, Produktpiraterie, Verwaltung von EU-Mitteln
usw. Bei der Übernahme der EU-Rechtsordnung ist Bukarest bei rd.
50% der Aufgabengebiete auf einem guten Weg, bei einem Drittel
sei eine Beschleunigung notwendig. Die EU unterstützt das Land
auch finanziell bei der Behebung der Defizite, allein 2006 mit
1,155 Mrd. Euro sog. Vorbeitrittshilfe.
Im Zusammenhang mit der Grenzsicherung muss Rumänien die
bevorstehenden Aufgaben auf jeden Fall sehr ernst nehmen. Nach
dem EU-Beitritt werden mehr als 2.000 km Landesgrenze mit der
Ukraine, der Republik Moldau sowie mit Serbien und Montenegro
die Außengrenze der EU darstellen. Die sozialistische
Vorgänger-Regierung hatte im Sommer 2004 ohne Ausschreibung mit
dem Luft- und Raumfahrtkonzern EADS einen umstrittenen Vertrag
zur Lieferung von Grenzsicherungs-Einrichtungen in Höhe von rd.
1 Mrd. Euro abgeschlossen. Die Realisierung der Vereinbarungen
war vor allem deshalb ins Stocken geraten, da die seit Dezember
2004 amtierende Regierung Tariceanu auf Nachverhandlungen
bestanden hatte, weil es im Vertrag zahlreiche Überlappungen mit
bereits von der EU finanzierten PHARE-Programmen gab. Erst
kürzlich gab Präsident Basescu den baldigen Abschluss dieser
Nachverhandlungen und dadurch Einsparungen für die rumänische
Seite von rd. 400 Mio. Euro bekannt.
Im Bereich Umwelt und industrielle Verschmutzung hat Rumänien
sicherlich noch viel zu tun. Es gelten hier aber teilweise
Übergangsfristen bis 2018. Insgesamt müssen in Umweltmaßnahmen
nach Angaben des rumänischen Umweltministeriums knapp 30 Mrd.
Euro investiert werden. Worum es aber konkret bis zum Beitritt
2007 geht, sind 521 Industriebetriebe, die meisten davon privat,
die 2004 Übergangsfristen ausgehandelt und sich zu
Umweltinvestitionen verpflichtet haben, diese aber nicht oder
nur teilweise durchführen. Es handelt sich um Unternehmen aus
den Bereichen Petrochemie, Hüttenwesen, Fleischverarbeitung
usw., die nach Worten von Umweltministerin Sulfina Barbu keine
Betriebsgenehmigung mehr bekommen, sollten sie diese
Investitionen nicht nachholen. Nach Schätzung der
Umweltministerin müssten Industriebetriebe 2006 mindestens 2
Mrd. Euro in Umweltschutzmaßnahmen investieren.
Vertreter der deutschen Wirtschaft sind von der Ernsthaftigkeit
der Bemühungen der rumänischen Behörden überzeugt, die
Beitrittsauflagen und -fristen erfüllen zu wollen. Rumänien
gehört am 1.1.07 in die Europäische Union, sagte der
Geschäftsführer der Deutsch-Rumänischen Industrie- und
Handelskammer (DRIHK), Dirk Rütze, nach Bekanntgabe des jüngsten
EU-Berichts. Ich bin überzeugt, dass Rumänien im Rahmen
seiner Möglichkeiten alles tun wird, um die Reformprozesse
weiter zu beschleunigen”, betonte Rütze. Auch die
internationale Rating-Agentur “Moody's; geht davon
aus, dass eine Aktivierung der Sicherheitsklausel im Fall
Rumäniens wenig wahrscheinlich sei.
Das Land profitiert seit nunmehr fünf Jahren von einer guten
makroökonomischen Entwicklung. Allerdings sollten die
Warnsignale der EU ernst genommen werden. Das
Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird 2005 voraussichtlich nur noch um
5 bis 5,5% wachsen (2004: +8,3%). Probleme haben die
rumänischen Behörden derzeit ebenfalls mit dem Internationalen
Währungsfonds (IWF), vor allem wegen des Haushaltsdefizits 2005,
das einseitig auf 1% statt der vereinbarten 0,74% angehoben
wurde. Spätestes bis Mitte November 2005 soll das Verhältnis zum
IWF geklärt werden, wobei Bukarest eine Beendigung des Stand-by-Abkommens mit dem IWF durchaus nicht ausschließt.
Die Gefahr für die rumänische Wirtschaft liegt aber derzeit vor
allem in dem steigenden Leistungsbilanzdefizit, das durch die
stark wachsende Binnennachfrage hervorgerufen wird, die von der
einheimischen Wirtschaft noch nicht befriedigt werden kann. Der
Konsum der Bevölkerung stieg 2004 um 10,8% und im 1. Halbjahr
2005 um 11,7%, während die Wirtschaft nur um 8,3% bzw. um 4,9%
zulegte. Das Außenhandelsdefizit erreichte 2004 über 9% des BIP,
in den ersten acht Monaten 2005 wuchs es um weitere 42% an. Das
Leistungsbilanzdefizit (2004: 7,5% des BIP) wird nach Meinung
von Experten 2005 die offiziell angepeilten 7,75% des BIP
deutlich überschreiten (8 bis 9%).
Trotz grundsätzlich positiver makroökonomischer Daten ist die
Wirtschaft des Landes weiterhin von Strukturproblemen geplagt,
die langfristig Stabilität und Wachstum gefährden könnten. Die
Exportwirtschaft ist zu stark von der Lohnveredelung geprägt
(30% Bekleidungs- und Schuhsektor). Die Zahlungsrückstände
staatlicher Unternehmen (etwa 10% des BIP) belasten weiterhin
den Staatshaushalt. Rund 72% des BIP werden inzwischen zwar vom
Privatsektor erwirtschaftet, der staatliche Sektor ist aber
äußerst anfällig und ineffizient. Die meisten in Staatsbesitz
verbliebenen Unternehmen können nicht privatisiert werden und
stehen vor ihrer Schließung, was aus sozialpolitischen
Erwägungen aber immer wieder verschoben wird. Und die
Steuerreform (flat rate tax 16%) hat noch nicht die erhofften
Ergebnisse gebracht. (A.K.)